Belegschaft

Im Club mit: Belegschaft (Interview + Mix)

Ein weit verbreitetes Vorurteil alternder Szene-Personen ist (und war schon immer), dass aus der jüngeren Generation nichts Neues, Kreatives mehr folgt, sondern immer nur der selbe, wiederkehrende Einheitsbrei. Ein Gegenbeispiel, und unserer Meinung nach eines der spannendsten, stellt die Belegschaft dar: Ein junges Duo, das erst vor Kurzem, frisch mit Matura und ersten Erfahrungen als Veranstalter ausgestattet, von Kärnten nach Wien ausgewandert ist um hier ihre ziemlich außergewöhnliche Definition von Tanzmusik unter die Leute zu bringen. Uns haben sie mehr erzählt und gleich eine Hörprobe mitgebracht.

Belegschaft – wer steckt hinter diesem Namen? Was macht ihr und wer ist bei euch wofür zuständig?

Belegschaft, das sind Philipp (Franz Ganz) und Martin (Rovan). Wir erledigen eigentlich alles gemeinsam, bis auf die Flyer, um die kümmert sich meistens Martin.

Seit wann ist Belegschaft im Wiener Nachtleben aktiv, und wie ist es überhaupt dazu gekommen?

Als wir uns vor einiger Zeit in Klagenfurt kennenlernten, haben wir schnell festgestellt, dass wir uns auf persönlicher und vor allem auch musikalischer Ebene super verstehen. Wir haben dann begonnen, gelegentlich in einem Caféhaus in Klagenfurt aufzulegen, und dann einige Partys im stereo und im Künstlerhaus organisiert. Als Martin dann vor zwei Jahren nach Wien gezogen ist, haben wir das ganze nach Wien verlegt, zuerst ins Dual, später dann ins celeste.

Und wie sieht es bei Belegschaft aktuell aus – wo und wie oft macht ihr Veranstaltungen? Welche Idee und welches musikalische Konzept verfolgt ihr, und welches Publikum wollt ihr damit ansprechen?

Aktuell sieht es so aus, dass wir am 18. Dezember eine kleine Weihnachtsfeier im AU machen, im Jänner sind wir wieder im celeste. Grundsätzlich liegt uns viel daran, dass unsere Partys in erster Linie (auch uns selbst) Spaß machen, und dass das Ganze nicht zu professionell wird. Unsere Veranstaltungen haben zwar immer so einen gewissen Do-It-Yourself Charakter (viele Dinge erledigen wir erst in letzter Sekunde), trotzdem steckt dahinter aber immer auch viel Energie und Zeit.

Wie ist es aktuell, in Wien Partys zu veranstalten, könnt ihr davon leben? Was motiviert euch, damit weiter zu machen, was macht euch eher zu schaffen, welche Probleme seht ihr?

Franz Ganz (links) und Rovan (rechts) sind Belegschaft
Franz Ganz (links) und Rovan (rechts) sind Belegschaft

Momentan können wir noch recht gut davon leben, so wie in allen Bevölkerungsschichten spüren aber auch wir langsam aber stetig die Auswirkungen der globalen Wirtschafts- und Finanzkrise, die uns dazu zwingen werden, unseren nächsten Winter am Arlberg zu verbringen und Après Ski Musik aufzulegen.

Zu schaffen macht uns in Wien zurzeit der Mangel an kleineren Locations mit guter Anlage. Das wäre wirklich cool, wenn da in nächster Zeit was passiert, ansonsten sind wir eigentlich guter Dinge was die Zukunft betrifft, an Motivation fehlt’s uns definitiv nicht. Die Herausforderung für Veranstalter in Zukunft wird wohl darin liegen, Personen auch außerhalb von Facebook zu erreichen. Wir sehen das bei unserer eigenen Facebook Seite, ohne bezahlte Werbung (was wir nicht wollen) hat man mittlerweile oft kaum noch Response und Reichweite, ganz auf Facebook verzichten wollen wir aber (derzeit zumindest) noch nicht.

In welche Richtung entwickelt sich die Wiener Szene eurer Meinung nach, gibt es
genug gute Veranstaltungen oder vielleicht sogar zu viele? Wie steht Wien aus
eurer Sicht im internationalen Vergleich da, wie seht ihr die Wiener Clubs und
welche Entwicklungen würdet ihr euch für die Zukunft wünschen?

Wir glauben, dass gerade jetzt unglaublich viel cooles passiert. Veranstaltungen wie Ascending Waves, Basic Rhythm, Erdbahnkreuzer, A Made Up Reality oder Struma + Iodine zeigen, dass in Wien viel Neues, Ungewöhnliches möglich ist.

Im Vergleich zu London oder Berlin ist Wien natürlich ein Nest. Gerade das hat aber seine eigenen Qualitäten. Viele Veranstalter und Artists kennen sich persönlich. Wünschenswert wäre auf jeden Fall noch ein kleinerer Club mit guter Anlage und so etwas wie NTS oder Berlin Community Radio, das Artists untereinander noch besser verbindet und zum Austausch anregt.

Wenn ihr auf eure bisherige Laufbahn als Veranstalter zurückblickt: Was waren die Highlights, woran erinnert ihr euch gerne?

Ein Bild aus Anfangstagen: Die Belegschaft und eine Lagerhalle in Klagenfurt
Ein Bild aus Anfangstagen: Die Belegschaft und eine Lagerhalle in Klagenfurt

Vor circa zwei Jahren haben wir in den Weihnachtsferien eine Auflegerei im Keller eines Antiquitätenlagers in Klagenfurt veranstaltet. Wir haben dazu ein viel zu überdimensioniertes Soundsystem, Plattenspieler, Nebelmaschine und Beamer von Freunden ausgeborgt, das Ganze in den unglaublich staubigen und stickigen Keller gestellt und die ganze Nacht lang aufgelegt. Unsere ganze Klagenfurter Crowd war da. Und wir hatten ein Dixi Klo angemietet! Gute Zeiten.

Auf was wir auch richtig gerne zurückblicken ist der Abend, oder besser gesagt das Wochenende mit Brassfoot aus London. Er war unser erstes internationales Booking und wir hatten noch nicht wirklich eine Vorstellung davon, wie so etwas abläuft. Als wir ihn in Bratislava vom Flughafen abholten, verstanden wir uns aber auf Anhieb ausgezeichnet. Eigentlich hätte er am nächsten Tag zurück nach London fliegen sollen um am darauffolgenden Tag wieder zurück nach Ljubljana zu fliegen und dort zu spielen. Total verrückte Reiseroute. Jedenfalls ist er dann kurzerhand einfach bei uns in Wien geblieben, wir haben einen Tag lang Kaffee getrunken, uns gegenseitig unsere eigene Musik vorgespielt und er hat noch eine weitere Nacht auf Philipps Couch geschlafen und ist dann mit dem Bus nach Ljubljana gereist.

Und welche Momente waren für euch am schwierigsten?

An dieser Stelle würden wir gerne eine kurze Anekdote aus den frühen Anfängen anbringen: Bevor das mit Belegschaft in mehr oder weniger regelmäßigen Abständen losging, nannten wir uns noch “Mind Fucked Mother Fuckers”, Martin hat dazu ein verrücktes Logo entworfen und wir hatten unsere erste Party in einem für die beabsichtigten Zwecke viel zu teuren und viel zu schicken Café in Klagenfurt. Am Abend davor haben wir noch ein paar Flyer ausgedruckt und danach in ganz Klagenfurt mit Tixo aufgeklebt. Nachdem wir damit fertig und irrsinnig stolz darauf waren, die halbe Stadt beklebt zu haben, hat uns plötzlich die Angst gepackt, und wir waren in großer Sorge darüber, dass eine Assoziation mit “Mind Fucked Mother Fuckers” im Prinzip einer Rufschädigung des Cafés gleichkommt und nun das erzkonservative Stammpublikum dem Caféhaus beschämt den Rücken kehren wird. Es folgte eine Nacht – und Nebelaktion, und gerade noch rechtzeitig vor Ladenschluss, haben wir uns beim Saturn eine Schere gekauft und bei allen Flyern den “Mind Fucked Mother Fuckers” Schriftzug auf der Unterseite abgeschnitten. Wir hatten dann auch noch den gesamten Abend über riesige Angst davor, das sündhaft teure Interieur zu beschädigen; die Party ist dann letzten Endes aber doch noch sehr lustig geworden, das Stammpublikum blieb dem Caféhaus weitestgehend erhalten und wir haben bei der nächsten Auflage dann sogar ein kleines Bier vom Chef spendiert bekommen.

Brassfoot mit der Belegschaft im celeste
Brassfoot mit der Belegschaft im celeste

Gab es bei euren bisherigen Partys auch Bookings, die ihr definitiv nicht mehr machen würdet? Und wenn ja, wieso?

Die bisherigen Gäste waren eigentlich immer sehr nett, angenehm und unkompliziert, wir hoffen, dass das auch in Zukunft so bleibt.

Wenn Geld und sonstige Ressourcen keine Rolle spielen würden – wie würde die Party eurer Träume aussehen, und wer würde dort auftreten?

Am liebsten wär uns eine Garage oder leerstehende Lagerhalle in der Vorstadt, die wir nach unseren eigenen Vorstellungen und Ideen gestalten und herrichten können. Es gibt keine Bar, dafür zahlreiche Bierautomaten, dazu ein gutes Soundsystem, rotes Licht und ganz viel Nebel.

Nachdem sich das Jahresende mit großen Schritten nähert: Was darf man 2016 und darüber hinaus von euch erwarten?

Wie gesagt, im Jänner gibt’s eine Party im celeste, hoffentlich in noch regelmäßigeren Abständen als bisher. Wir würden auch gern öfters Mal von Zuhause aus streamen und dazu befreundete DJs einladen. Die Idee, ein eigenes Label zu gründen, geistert auch schon seit einiger Zeit in uns herum, früher oder später wollen wir das auch realisieren.

Und zum Schluss natürlich die obligatorische Frage – wie gefällt euch die neue Play.fm-Seite, was würdet ihr euch als Veranstalter davon wünschen?

Die Veranstalter- und DJ- Features sind sehr gelungen, wir werden in Zukunft sicher öfters mal reinschauen.

belegschaft_04Wer nun unbändige Lust verspürt, das letzte Wochenende vor den Feiertagen noch mit der Belegschaft zu verbringen (was wir nur empfehlen können), hat am Freitag, den 18. Dezember, bei besagter Weihnachtsfeier im AU Gelegenheit dazu. Als Warm-Up dafür hat Rovan uns eine Stunde Belegschaft-Sound in Form seines jüngsten “Egyptian Hall”-Mixes mitgebracht.

 

Noch nicht genug? Mehr Mixes aus Wien findest du in unserem Vienna City Channel!